Modern Kautschuk

Mit einem Satz macht sie ihre Welt zu seiner. So einfach geht das, wenn man niemand ist. Ohne Identität. Ohne Weltbild.
Er blinzelt in die Dunkelheit. Als Echo erhält er ein Rascheln. Keuchend dreht er sich auf die Seite.
Bei diesem Anblick sollte er eigentlich Lust auf eine Revanche bekommen, aber es regt sich nichts. Er ist nicht mal wütend, dass sie seine Jeans durchforstet. Wahrscheinlich sucht sie nach mehr Stoff, um sich dann davonzuschleichen und jemand anderen auf dem Leim zu gehen.
»Da ist nichts mehr«, stammelt er.
Sie verkrampft. Ihre Wirbelsäule tritt noch stärker hervor und verzerrt das Tattoo über ihrem Po. Dann entspannt sie wieder.
Wenn sie nur nicht so verdammt dürr wäre, hätte er sie in einem Leben davor sogar lieben können.
»Du glaubst an Gott?«
Er lässt die Stille für sich antworten.
Sie federt von der Bettkante zurück und ihr Kopf landet unsanft auf seinem Bauch. Die Kette hält sie so, dass der Anhänger über ihren Gesicht pendelt.
»Wer soll’n das sein auf dem Bild?«
»Die Gottesmutter«, sagt er, »Maria.«
»Bestimmt ein Geschenk deiner Mama, hä?«
Wieder sagt er nichts.
Sie will ihn aufziehen, ein wenig necken, aber im Grunde hat sie nur Lust auf mehr und glaubt, er könne ihr es geben, wenn sie nur nett genug sei.
Eine Weile liegen sie schweigend so da.
Bis sie sagt: »Ich kann mich erinnern, dass ich mal in einer Kirche war. In der Predigt ging’s um die Anfangsgeschichte. Adam und Eva, du weißt schon.«
Er rückt ein wenig von ihr ab. Ihr Schweiß riecht mittlerweile tatsächlich nach Schweiß.
»Eva … das könnte ich sein. Ich hätte diesen verdammten Apfel auch gegessen.«
»Ja? Auch wenn du genau weißt, dass du dadurch hier enden würdest?«
Sie wiegt den Kopf hin und her, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken.
»Ja. Selbst dann. Im Grunde ist dieser Erdball wie der Apfel. Von draußen hübsch anzusehen, aber im Kern voller Maden.«
Was ist hier denn schön anzusehen, fragt sich Slobodan.
Die Decke hat feine Risse. Nie zuvor sind sie ihm aufgefallen. Doch jetzt hört er den Putz bröckeln, kann hören, wie sie sich mit der Zunge über die Lippen fährt und sagt: »Es kommt auf die Perspektive an. Wärst du ein Bux, würdest du einfach nur leben. Das ist okay so.«
Das ist okay so.
Mit einem Satz macht sie ihre Welt zu seiner. So einfach geht das, wenn man niemand ist. Ohne Identität. Ohne Weltbild.

Nur eine dünne Folie trennt ihn von dieser Brut. Im Hexenkessel kriecht und schwirrt sie umher.
Jegliche Kontrolle ist dahin. Wie hypnotisiert starrt er auf das transparente Tor, auf dem die schwarzen Punkte tanzen. Das Summen dringt tief in seinen Kopf, füllt alles aus. Im Hintergrund donnern die Stanzautomaten. Sechzig Tonnen pro Hub. 80 Hübe in der Minute.
Paff. Paff. Paff.
Mit den Zeigefingern an die Schläfen gepresst versucht er, den Lärm aus seinem Kopf zu massieren, lässt die Scheißkäfer nicht aus den Augen.
Drinnen schleppt sich ein Arbeiter vorbei, trägt keinen Mundschutz. Mit Sicherheit hat er sich mit seinem elenden Schicksal bereits abgefunden. Kurz auf die Klobrille kotzen und zurück ans Maschinenpult, darauf achten, dass die Schläuche auch genug Bux in die Matrizen pumpen, wo sie dann von Hartmetallstempeln zerstanzt werden. Sechzig Tonnen. Gigantische Saftpressen. Die Massage zeigt keine Wirkung, der Lärm schwillt an. 80 Hübe in der Minute.
Paff. Paff. Paff.

Die Metapher mit der verbotenen Frucht geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie lässt sich auf so vieles übertragen. Zum Beispiel auf Richards Zähne. Nur noch schwarze Stümpfe.
»Hey Slo, alles gut bei dir?«, fragt er.
Richard ist nicht verblödet, jedenfalls nicht völlig. Und trotzdem klingt jedes Wort, als hätte man es mit einem Bekloppten zu tun.
Er rückt die Fässer zurecht. Slobodan kommt zu ihm und packt mit an.
»Sicher, mir geht’s gut.«
»Musst mir hier nich‘ helfen.«
»Passt schon. Die Dreier wird grad gewartet. Bin froh, mal raus zu sein. Das Schwirren treibt einem in den Wahnsinn und darüber hinaus.«
»Ich hab es dir gesagt, hab es allen gesagt, dass ihr euch lieber für einen Außenposten bewerben solltet.«
»Soweit ich weiß, besetzt du den einzigen Außenposten hier.«
Die anderen Mitarbeiter verspotten Richard. Eigentlich schleppt er den ganzen Tag nur diese stinkenden, mit zerquetschten Bux befüllten Fässer durch die Gegend, stellt es aber so dar, als würde der Betrieb ohne ihn zusammenbrechen.
Das Einzige, das bald zusammenbricht, ist er selbst. Mittlerweile kaut er sie roh.
»Tja, auch egal, am Ende gehören wir alle dem Teufel.«
Slobodan nickt und fädelt den Spanngurt durch die Laschen des Fasses. »Weißt du, wo Lukas steckt?«
»Welcher Lukas?«, fragt Richard, als er sich in den Gabelstapler schwingt.
»Der Neue. Ziemlich groß, blond gefärbte Haare, Tattoos am Hals. Echtes Arschloch.«
»Ah, der! Nee, hab das Arschloch nich’ gesehen«, erwidert er grinsend. »Wieso?«
»Der Boss meinte, ich soll ihm mal zeigen, wie das Abpumpen geht.«
»Ach so. Nee, nich‘ gesehen.«
Er führt eine Gabel unter den Spanngurt und hebt das Fass an. Slobodan läuft zum Tamarok, springt auf die Ladefläche und zieht das angelieferte Fass nach hinten, wo bereits zwei weitere lagern. Er steigt aus dem Kofferraum und hört das pneumatische Zischen des Tors. Hinter Lukas, der sich die Bux vom Schutzanzug klopft, fährt es wieder nach unten.
»Wo warst du?«, fragt Slobodan. »Lässt gerne andere für dich schuften, wie?«
Lukas zuckt die Achseln und unter seinem Mundschutz, auf dem er eine Schweinenase gekritzelt hat, vermutet Slobodan ein Lächeln. »Musste noch für kleine Prinzessinnen.«
Beim Militär hätte er für so viel Bosheit ordentlich Prügel bezogen. Egal jetzt. Am Ende gehören sie alle dem Teufel.
»Setz den albernen Mundschutz ab und pack mit an.«

Sie fahren den schmalen Waldweg entlang, etliche Schlaglöcher heben sie aus den Sitzen. Die Fässer schaukeln trotz der Spanngurte leicht umher, und Slobodan hört das reibende Metall und die gegen die Deckel schwappende Flüssigkeit. Er hört die Junkies keuchen. Hecheln wie Hunde.
Er hört alles Leid der Welt und den Schrei nach Vergebung. Vergeltung.
»Können wir nicht was anderes hören? Ich hasse diesen Balkanpop. Das ist Dreck.«
»Erstens«, sagt Slobodan, »ist das kein Balkanpop, und zweitens ist das nicht dein Wagen.«
»Deiner doch auch nicht.«
»Ja, budala, aber ich fahre das Auto, oder nicht?«
»Das schon. Budala
»Dummkopf, du Idiot.«
Er lacht auf und trommelt auf das Armaturenbrett. »Du hast echt Humor, Slo.«
»Nein, ich nicht, aber du auch nicht.«
»Ehrlich gesagt können wir ja gar nicht alle das Gleiche lustig finden, wir nehmen ja auch nicht alle die gleichen Drogen, oder?« Er tippt sich nachdenklich mit dem Zeigefinger ans Kinn. »Slo, das is’n abgefahrener Name. Hast du auch ’n richtigen?«
Kurz mustert er ihn von der Seite, widmet sich dann wieder der ungemütlichen Strecke. »Slobodan Dralović.«
»Was bedeutet das Tattoo?«, fragt er.
»Müssen Tattoos zwangsläufig was bedeuten?«
»Nope, aber das sieht aus, als bedeute es was.«
Slobodan sieht auf seine Hand, die fest das Lenkrad umklammert. Wie ein Fremdkörper.
Der Anblick des Symbols berührt ihn, versetzt ihn zurück in eine Zeit, in der es noch Glück gab und den Glauben an eine bessere Zukunft. Überhaupt eine Zukunft. Doch der fade Beigeschmack von verbranntem Fleisch liegt ebenfalls auf seiner Zunge.
»Das ist das serbische Kreuz. Ich war damals einer der Freischärler, habe in Kroatien für ein großserbisches Reich gekämpft.«
»Mit Erfolg?«
»Kennst dich nicht so aus mit Geschichte, hm?«
»Nee, da hatte ich immer nur Fünfen. So wie eigentlich überall.« Er winkt ab. »Ich weiß nur, dass auf beiden Seiten dieser Balkanpopscheiß läuft. Daher ist es mir egal.«
Slobodan muss grinsen. Irgendwie gefällt er ihm ja doch. Vielleicht weil ihm die große Schnauze an sein damaliges Ich erinnert.
Ein neuer Titel setzt ein, und er dreht den Regler hoch. Nun, wo alle Frequenzen den Piraten gehören, ist die Vielfalt gestiegen, auf jeder Frequenz läuft was anderes. Und mit etwas Geduld findet man sogar was Brauchbares.
»Es gab später eine Großoffensive der Kroaten, wobei sie alle serbischen Gebiete in Kroatien und ganz West-Bosnien zurückeroberten. Zu dem Zeitpunkt war ich aber schon nicht mehr dabei.«
»Wieso? Hast du gewusst, dass es in die Hose geht?«
»Nein, ich hab’s nicht gewusst. Vielleicht habe ich es geahnt, aber eine Ahnung bringt keinen Krieger von seinem Weg ab. Nein, sie haben mich unehrenhaft entlassen.«
»Wie? Ganz ohne Abschiedszeremonie?«
Er kann sich das Lachen nicht verkneifen, kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt überhaupt lachen konnte, und in seiner Unachtsamkeit steuert er mit Tempo dreißig durch ein tiefes Schlagloch. Das Lachen bleibt ihm im Hals stecken, und er muss bellend husten. Schnell hat er sich und das Lenkrad wieder im Griff.
»Das versteht man bei euch unter unehrenhaft entlassen. Nein, Junge, die wollten mich töten. Woher kommt dein Akzent?« Lukas will gerade antworten, da unterbricht Slobodan ihn mit erhobenem Zeigefinger. Warte kurz.
Er bremst und steigt aus. Die Scheinwerfer machen seinem Atem sichtbar. Erst greift er in seine Hosentaschen, dann tastet er seine Jacke ab.
»Hey!«, schreit er und kneift die Augen zusammen, als er direkt in das grelle Licht schaut.
Lukas öffnet die Beifahrertür. »Was is‘?«
»Ich brauch den Schlüssel. Der muss irgendwo in der Mitte liegen.«
Kurze Pause. »Ja!«
Lukas steigt aus und wirft ihm den Schlüssel zu. Mit beiden Händen fängt er ihn auf und öffnet damit das Schloss.
»Betreten strengstens Verboten! Gefahrenzone« steht auf dem am Maschendrahtzaun angebrachten Schild. Daneben ein Brett, auf das jemand mit Edding die Worte »Fallout ahoi! Kinder haften für die atomare Katastrophe ihrer Eltern« gekritzelt hat. Die Schwingtüren quietschen, lassen sich aber leicht aufschieben. Wie immer. Und doch unterschwellig anders.
»Und weiter«, sagt er, als er wieder in den Innenraum steigt.
»Warum ist der dunkle Teich eigentlich so weit von der Produktionshalle weg?«
»Wirst schon noch mitkriegen«, sagt er und startet den Motor.
Aus dem Augenwinkel heraus, sieht er, wie Lukas etwas aus der Tasche nestelt. Er zieht einen Streifen aus der Verpackung, entfernt das Alupapier und steckt ihn sich in den Mund.
»Muss das sein?«
»Was?«, fragt er laut schmatzend.
»Dass du dich jetzt zudröhnst. Die Fässer sind schwer. Vorhin hatten wir noch den Gabelstapler, jetzt müssen wir die Scheißteile auf den Sackkarren hieven und durch den Wald zerren. Nix mit Zuckerschlecken.«
»Krieg ich schon noch hin. Ich weiß, was ich vertrage. Nimm auch einen, wenn du willst.«
»Ich fresse das Zeug nicht.«
»Verarsch mich!«, plärrt er. »Du arbeitest in der Produktion, direkt an der Scheißquelle, und konsumierst nicht?«
»Hab genug Mist gebaut, da sind Drogen überflüssig.«
»Wir sprechen nicht von irgendwelchen Drogen. Das ist die Droge, Mann! Keine Nebenwirkungen, kein Runterkommen. Alles verändert sich. Wer nicht aufspringt, verpasst den Zug.«
»Im Kampf musst du achtsam sein.«
»Oder einfach überlegen.«
»Das bist du aber nicht, wenn du unachtsam bist. Du musst völlig klar sein.«
»Warst du denn immer völlig klar? Im Krieg? In Kroatien?«
Flashback. Er denkt an die Nacht zwischen Sokolovak und Mitrovac. Sie hatten der Truppe aufgelauert und schlugen kurz vor dem Morgengrauen zu. Kurzer Prozess. Drei von ihnen besaßen Nachtsichtgeräte. Sie schalteten die Nachtwachen aus, simpel per Kehlenschnitt, um keine Munition zu verplempern. Danach postierten sich jeweils Zweiergruppen vor einem Zelt und mähten die Herausstürmenden mit einer kurzen Salve nieder. Ein paar hielten sich in den Zelten verschanzt und ballerten wahllos um sich. Am Mündungsfeuer machten wir ihre Positionen fest. Einige lebten noch und hielten würgend ihre hervorquellenden Gedärme. Auch zwei von ihnen hatte es übel erwischt. Die, die noch am Leben waren, schliffen sie zum Lagerfeuer.
Sie sollten ihnen die nächsten Ziele verraten. Also fragten sie.
Keine Antwort und sie drückten den Kopf in die Flammen. Es roch nach verbrannten Haaren und verschmorter Haut. Kein Geruch, den man mit irgendwas vergleichen könnte.
Slobodan bereute nichts davon. Wenn das Gottes Wille war, wollte er das Werkzeug sein.
Diese Kroaten waren Dreck. Sie waren wie die Bux. Fraßen sich von innen langsam nach außen. Die Schreie fachten ihn und seine Truppe nur weiter an.
Mitten in dieser Hölle fiel ihm der Junge auf, vielleicht 16. Stepan rang mit ihm am Boden. Slobodan kannte Stepan gut. Und er hat nie wieder jemanden mit dieser Kraft und Ausdauer kennengelernt. Trotzdem machte ihm dieser Bengel zu schaffen. Der Junge rief immer wieder Nein und Aufhören und Papa, Papa.
So viel verstand Slobodan.
Sein Blick wanderte von ihm zu seinem Vater, der gerade mit dem Gewehrkolben bearbeitet wurde, und wieder zurück.
Er ging auf den Vater zu, sah ihn nicht mal an, richtete nur die Waffe auf seinen Hinterkopf. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Jungen. Er fragte, ob das hier sein Vater sei. Keine Ahnung, ob er die Frage in dem Getöse überhaupt verstand.
Egal, Slobodan drückte ab und das Blut spritzte in das Gesicht des Jungens. Gleich darauf verzerrte es sich in eine Fratze aus unsäglichem Leid. Ein lautloser Schrei, der sich in endlosen Variationen in die Windungen des Gehirns gräbt. Der sich nur nachts entfaltet, wenn alles andere im Schweigen liegt.
Wer einmal die inneren Dämonen weckt, wiegt sie nie wieder in den Schlaf.
»Ja«, antwortet er. »Immer. Jeder Junkie würde dich mit Vergnügen abstechen, wenn er dafür dein Kautschuk einkassiert.«
»Ich weiß. Auch ich würd jeden mit vergnügen abstechen, der was für mich übrig hat. Musste kapieren. Probier doch wenigstens mal. Diese Anti-alles-Attitüde hat noch keinen weitergebracht.«
Lukas greift zum Radio und wechselt auf die 102,4.
Ein Sprecher sagt gerade: »Wir kennen das aus den ganzen Blockbustern. Wir kennen das aus dem ganzen Hollywoodscheiß. Dieser Trash hat uns die Birne weichgekocht, verfluchter Mist!“
Genervt stellt Slobodan das Radio wieder leiser und sagt: »Aufdringlichkeit auch nicht.«
»Auch gut. Warum bist du eigentlich hier? Auf lang oder kurz killt dich der Job, das weißt du?«
»Klar. Vielleicht gerade deshalb, oder? Warum du?«
»Ich mach bald mein eigenes Ding. Hab schon die Stanzautomaten gerüstet und bedient, und im Labor hab ich das Sekret gefiltert, in die Formen gegossen und so weiter. Auf jeden Fall weiß ich, wie das alles funzt. Und das mit dem Ernten hab ich dann auch raus.«
Slobodan will ihm die Illusion nicht rauben, also erwidert er nichts. Natürlich ist das Schwachsinn. Selbst wenn er über das nötige Know-how verfügt, fehlen ihm immer noch die Maschinen. Er müsste die Bugs mit dem Mörser auspressen. Damit würde er nur einen Bruchteil dessen erwirtschaften, was der Boss ihm zahlt.
Außerdem sprießen immer mehr Brutstätten aus dem Boden. Und immer mehr Junkies versuchen sich als Amateurproduzenten.
Der Sprecher im Radio sagt: »Wenn Außerirdische uns entdecken, bevor wir sie entdeckt haben, dann sind sie verdammt schlau. Verdammt clever, okay? Independence Day und und und. Alles lächerlich. Mit ordentlich Tamtam am Himmel aufkreuzen und drauf losballern, so ein Scheiß. Wieso sollten die nicht aus’m All sein. Nur weil wir sie fressen und sie nicht aussehen wie Predator? Den Planeten langsam auszuhöhlen, das ist effektiv. Das ist intelligent.«
Ziellos klicke ich weiter auf die 104,3.
Es läuft gerade Elvis mit Jailhouse Rock. Nach dem letzten Gitarrenriff krächzt jemand so drauf los, da würden sich die Zehnnägel des Kings im Grab aufrollen.
»Es gibt keinen besseren Soundtrack, wenn alles vor die Hunde geht, all right? Keinen besseren. Hey ihr Jungen und Alten, Toten und Survivor, hier gibt es den richtigen Tune für euch. Das ist ein Piratensender bleibt auf dieser Frequenz, wenn ihr euch traut. Hier gibt es die Wahrheit, die ungeschminkte Fratze des Todes. Gesichter, die …«
»Ein was Gutes hat der Untergang der Zivilisation«, übertönt Lukas den Sprecher. »Mit ihr stirbt auch der Mainstream, diese gleichgebügelte Pisse hatte ich schon lange satt.«
Nach der Ansage läuft ein Titel von Judas Priest. Slobodan schaltet ab und geht leicht auf die Bremse, sodass er genau über dem aus Balken geformten X zum Stehen kommt.
»Dann pass gut auf. Beim nächsten mal musst du allein ran«, sagt er.
Sofort reißt Lukas die Tür auf und krächzt: »Scheiße!« Hastig setzt er seinen Mundschutz auf. »Was ist das denn? Kannst du mich nicht vorwarnen?«
»Du wolltest doch wissen, warum der dunkle Teich so weit von der Fabrik weg ist. Jetzt weißt du’s.«
»Das stinkt schlimmer als meine Oma, und die ist seit Jahren tot.« Lukas starrt ihn an. »Wo ist dein Mundschutz?«
Slobodan winkt ab. »Hey, man gewöhnt sich an alles.«
Zuerst löst er die Sicherheitsgurte und zerrt die Fässer nach vorn, wo Lukas sie über die Kante auf den Waldweg gleiten lässt und zur Seite rückt.
»Wieso wollten sie dich eigentlich loshaben, damals?«, fragt Lukas, als er das fünfte Fass anliefert.
»Hab jemandem das Gesicht aufgeschlitzt. Noch so ’ne Frage und du bist der Nächste.«
»Komm schon«, sagt er und greift nach dem Fass, »ich will die ganze Story. Das jetzt nicht zu erzählen, grenzt an Folter, echt.«
Das nächste Fass stößt Slobodan direkt über die Kante, sodass Lukas sich mit aller Kraft dagegenstemmen muss, damit es ihn nicht unter sich begräbt. »Was sollte das jetzt?«, keift er. »Hab ich was falsch gemacht.«
»Du redest zu viel und stellst die falschen Fragen.«
»Komm schon …« Diesmal wirft er ihm das Fass regelrecht zu.
»Hey! Willst du mich umbringen?«

Lukas schiebt den Sackkarren vor sich her und Slobodan schleppt die Kiste mit der Pumpanlage. So gehen sie den schmalen Pfad entlang. Äste streichen Slobodan über Jacke und Gesicht.
Wie so oft denkt er an seine damals schwangere Frau und an Katica, die jetzt neun oder vielleicht schon zehn sein musste, und an den Tag, der alles in eine Lüge verwandelte, die Lüge, er hätte keine Wahl gehabt. Für die Jungs war er ein izdajnik, ein Verräter und verdiente den Tod. Er musste sofort verschwinden, wenn er am Leben bleiben wollte. Das redete er sich zumindest ein. Hätte er versucht, seine Familie mitzunehmen, hätten sie alle umgebracht. Ja, so wäre es gekommen, hat er sich damals Nacht für Nacht eingeredet. Heute ist er nicht mehr so sicher. Der Zweifel, nicht alles in seiner Macht Stehende getan zu haben, ist schlimmer als tot zu sein, erschossen von den eigenen Leuten wie ein nutzloser Köter.
»Hab’s mir irgendwie größer vorgestellt«, meint Lukas.
Die Worte katapultieren ihn zurück in die stinkende und dreckige Realität. Vor ihnen die Lichtung. Die beiden Teiche liegen da wie zwei offene Gräber. Die schwarze Buxmasse glänzt im Licht der Sterne. Die Nacht ist klar; es fällt kein Schnee.
Er greift sich die Latexhandschuhe aus der Kiste, streift sie über und wirft das andere Paar Lukas zu. »Uns reicht das völlig. Die Teiche sind vielleicht nicht groß, aber tief. Du wirst sehen, die reichen, um alle Fässer voll zu machen.«
»Wenn du das sagst.«
»Komm, pack mit an.« Er öffnet die Schnellverschlüsse und hebt den Deckel an. Das ist der Moment, in dem selbst Slobodan sich zusammenreißen muss. Der Gestank ist so infernalisch, es kommt ihm vor, als würden seine Haare gleich in Flammen aufgehen. »Hilf mir! Wir kippen es nur um und … gut!«
Das platschende Geräusch ist zu viel für Lukas, der sich gekrümmt abwendet.
»Ich hab dich gewarnt. Nimm besser den Mundschutz ab, falls du kotzen musst.«
»Geht schon«, sagt er gequält. »Fuck, ist das eklig.«
»Hast du gesehen? Die untere Schicht war voll von Bugs. Man lässt beim Abpumpen immer einen Rest übrig, der sich dann wieder vermehren kann. Die schleimigen Überreste ihrer Artgenossen sind die perfekte Nahrungsgrundlage und eine gute Brutstätte. Stichwort Reproduktion.«
»Diese Mistviecher, verfluchte Kannibalen«, flucht er immer noch angeschlagen. »Ich wünschte, ich hätte gar nichts gesehen.«
Er kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Kopf hoch! Sind ja nur noch ein paar Ladungen.«
»Witzig …«
Die Grube läuft bereits über. Es ist nur ein Gefühl, aber sie scheinen sich von Tag zu Tag schneller zu vermehren. Unter jedem seiner Schritte knacken die Schutzpanzer der Bugs. Eines der Biester schwirrt auf ihn zu und streift seine Wange. Mit einem Handschlag wischt er es weg. Verdammte Kacke! Nun setzt auch er seinen Mundschutz auf. Mit dem Schlauch in der Hand steht er direkt vor der wogenden Masse.
Seine Stimme klingt durch den Vlies gedämpft, als er sagt: »Pumpe an, dann stoß ich den Rüssel rein.«
Da steht er, wartend auf das Klicken und das anschließende Dröhnen des Kompressors. Doch nichts passiert. Es bleibt still, gefährlich still.
Sein spöttisches Grinsen schwebt vor ihm in der Dunkelheit, als er einen Namen nennt. »Draŝko.«
Dann folgt ein Klicken, aber es ist nicht das, das der Schalthebel des Kompressors verursacht.
»Eine CZ-99?«
»Du beeindruckst mich, Slo. Fast richtig – eine CZ-999 Skorpion. Wenn schon denn schon. Dreh dich um, aber langsam.«
Slobodan tut es.
»Hände hinter den Kopf.«
Slobodan tut auch das. »Draŝko, wer soll das sein?«
»Das ist mein Name. Und der Name meines Vaters, den du erschossen hast. Weißt du noch?«
Jetzt wünscht er sich, Lukas‘ Gesicht noch einmal genau zu betrachten, den Jungen darin zu suchen. Das Blut und den stummen Schrei. Den Schmerz.
»Jetzt bist du hier.«
»Ich hab diesen Moment so oft vor Augen gehabt. Ich hab davon geträumt. Das Kautschuk half mir, die Träume zu beherrschen, nicht mehr aufzuwachen. Sie dauerten die ganze Nacht, sogar ganze Tage, wenn ich wollte, und am Ende warst du immer tot. Immer.«
Er nickt. »Vielleicht soll es so sein.«
»Komm mir jetzt bloß nicht so!« Seine Stimme zittert. »Lass den Scheiß. Ein Wort über Gott oder Schicksal und ich schick dich sofort in die Hölle«, sagt er und geht einen Schritt nach vorn.
Slobodan bewegt sich langsam zurück, sodass seine Fersen die Kante zum Buxloch berühren.
»Halt still! Es wird die ganze Nacht dauern, bis ich mit dir fertig bin.«
»Okay«, sagt er und wartet auf den passenden Moment.
»Okay.«
Ein Bux krabbelt ihm ins Hosenbein.
»Du wirst dir wünschen, dein Leben schon früher beendet zu haben.«
Slobodan reißt eine Hand nach unten und greift in die Innenseite seiner Jacke. Im gleichen Moment erhellt ein Blitz die Nacht. Die Detonation reißt ihn zurück. Der Fall dauert, zieht sich in die Länge, der Aufprall ist weich.
Auf den Schmerz fokussieren, sagt er sich, während die Bux unter seine Kleidung dringen.
Sein Blickfeld ist klar, bis sich ein Schatten vor die Sterne schiebt und sein Kopf explodiert. Er kneift die Augen so fest wie möglich zusammen, doch das gleißende Licht brennt sich durch seine Lider.
Slobodan stöhnt auf. Auf den Schmerz, sagt er sich, auf den Schmerz fokussieren. Dabei hält er sich den Bauch.
»Ich hab gewusst, dass das mit der Waffe ’n Bluff war. Jeder Arsch hätte das gewusst.«
Beinah geht die Stimme im Zirpen der Viecher unter. Ein Bux dringt in sein Ohr, und die Versuchung, sich einen Finger ins Ohr zu schieben, ist grenzenlos. Aber er bleibt hart, drückt sich die Hände auf die Bauchwunde und ächzt.
»Versuch’s jetzt nochmal, alter Mann.«
Die Bux nahmen ihn auf in ihren Organismus. Eine Woge durchfährt ihn. Ihm ist, als könnten die Bux mit ihm kommunizieren, als raunten sie ihm zu, ein Teil ihrer Spezies zu werden. Beinah schon will er sich fügen.
Aber dann ist die Stimme des Jungen wieder da.
Ihm ist, als läge er auf dem Bett in seinem Zimmer, halb wach, halb gefangen im Krieg seiner Träume. Und im Hintergrund läuft eine Reporterstimme, die sagt: »Er hat’s nicht verdient durch die Hand eines solchen Versagers zu krepieren. Er hat mehr verdient. Und du verdienst genau das.«
Slo blinzelt gegen den Strahl der Taschenlampe und weiß, dass der Lauf weiterhin auf ihn gerichtet ist.
»Ja, oh ja, das war eigentlich nicht so gedacht, aber irgendwie … Weißt du, es ist fast poetisch. Fressen oder gefressen werden. Wer immer nur nimmt, dem wird früher oder später die Hand abgehackt. So läuft das.«
Der Lichtstrahl entfernt sich kurz und Slobodan öffnet die Augen, erkennt jedoch nichts. Alles schwarz. Die Bux schnellen über sein Gesicht, sind nun überall, decken ihn zu.
Dann ist das Licht wieder da, gedämpft durch die Wand aus Ungeziefer.
»Es war gar nicht so leicht, dich zu finden. Kein Kontakt zu den alten Kammeraden. Zu den Menschen im Dorf, den Nachbarn. Kein Kontakt mehr zur Familie. Zu deiner reizenden Frau, deiner noch reizvolleren Tochter. Deinem Sohn.«
Slobodan zählt eins, er zählt zwei. Presst sich die Hände in den Magen, dass es brennt und er am liebsten aufschreien würde. Doch er gibt nur ein gequältes Knurren von sich.
»Du hättest sie beschützen sollen. Du bist Soldat.«
Slobodan sagt es, und Lukas schreit: »Was?«
Er wiederholte es, stößt das Wort durch die zusammengebissenen Zähne.
»Was?«, schreit Lukas nochmal und beugt sich leicht vor. »Ich gestatte dir die letzten Worte, bevor ich dir den Schwanz wegschieße.«
Der Lauf ist weiterhin auf ihn gerichtet. Nicht so wie vorhin, als Lukas für den Bruchteil einer Sekunde nach links schwenkte und Slo die Hand hinunter riss. Die Kugel hat ihn an der Hüfte gestriffen, wo sich die Bux nun mit ihren Kiefern tiefer in die Wunde graben. Das Verlangen einfach durchzudrehen, wild um sich zu schlagen, ist grenzenlos. Doch Slo hält sich weiter den Bauch, stöhnt und wiederholt das Wort.
»Verdammt, sprich deutlich, du Arschloch«, ruft Lukas und beugt sich noch ein Stück vor.
Jetzt! Slobodan greift nach oben und bekommt ihn irgendwo zu fassen und zieht am Stoff. Lukas schreit und feuert, doch Slo hat mit der zweiten Hand bereits die Waffe umklammert und die Kugeln klatschen in die schwarze Masse.
Es sind nicht die Bux, die schreien, aber Slobodan kommt es so vor.
Sie können Lukas zerlegen. Das ist poetisch. Fressen und gefressen werden.
Er drückt den Jungen nach unten, erstickt seinen Schrei. Viel früher schon hätte er dies tun sollen. Damals beim Überfall.
Wer hat gesagt, es würden keine Kinder sterben, erinnert er sich. Natürlich sterben Kinder.
Irgendwie bekommt er es fertig, einen Ellenbogen auf Lukas Schulter zu stützen und sich an ihm aufzuraffen.
Mit jeden Zentimeter, den Lukas tiefer sinkt, kommt Slobodan dem Rand näher.
In einer rudernden Bewegung schafft er es, das Knie auf Lukas’ Schulterblatt zu schieben und greift nach dem Waldboden, findet tastend eine schwache Wölbung, und zieht sich an der Wurzel aus dem Loch.
Zuerst wischt er sich die Bux vom Gesicht, stampft dreimal auf, wobei ihm ein stumpfer Schmerz durch die Muskeln fährt.
Humpelnd schafft es Slobodan bis zum nächsten Baumstamm, krallt sich an der Rinde fest, rutscht ab und kracht zu Boden.
Seine zuckende Hand findet einen Ast, den er sich in die Wunde an der Hüfte stößt. Die Bux haben den Knochen fast erreicht. Ein fester Stoß und sie sind Brei. Ihr Gift durchdringt ihn. Sofort spürt er die Symptome und driftet langsam weg.
Eine ganze Welt in Watte gepackt. Er sieht seine Familie. Seine Frau. Seine Tochter. Er hört alles Leid der Welt und den Schrei nach Vergebung. Dann endlich wird alles weiß.
Todestag wie jeden Tag. Es ist heiß, die Sonne fixiert ihn wie ein zorniges Auge und doch fällt Schnee. Es dauert einen Moment, bis der Schmerz in seiner Brust anschwillt, Erinnerungen wach werden und ihm klar wird, dass es Asche regnet. Ein herumfliegendes Karosserieteil muss ihn erwischt haben. Er schaut in die Runde und sieht Draŝkos hämisches Grinsen. Die Schmerzen bekommen eine Nebenrolle zugeteilt und machen dem Zorn Platz. Er will aufspringen, aber sein Körper gehorcht nicht.
»Du Kindermörder!«, schreit er. »Dafür wirst du ewig bezahlen, du gehst in die Hölle!«
»Nein, ich nicht«, sagt er gelassen und macht einen Schritt auf Slobodan zu. »Bei dir mache ich mir da größere Sorgen. Wer hat denn den Sprengsatz installiert?«
»Du Hurensohn! Ich hänge dich an dem nächstbesten Baum auf!«
»Das glaube ich nicht.«
Zähneknirschend versucht er sich aufzurichten, doch seine Leute rammen ihn wieder zu Boden. Sie halten ihn fest. Draŝko beugt sich zu ihm hinab und flüstert: »Hast du geglaubt, es würden keine Kinder sterben? Natürlich sterben Kinder.« Das sagt er in einem leichten Singsang, bei dem Slobodan übel wird. »Wir müssen das Problem bei der Wurzel packen. Da darf man keinen Unterschied zwischen jung und alt, zwischen Frau und Mann machen. Auch das Mädchen war Kroatin. Es ist gut, dass sie tot ist.« Draŝko streckt seine Hand nach ihm aus, hält dann doch inne, als Slobodan die Zähne fletscht. Stattdessen sagt Draŝko: »Du hast das Richtige getan.«
Nur dass das Gesicht nicht Draŝko gehört, sondern Lukas. Die Maske ändert stetig ihre Form und irgendwo darunter liegt die Wahrheit. Die echte Erinnerung.

Man sagt, wer auch nur einmal konsumiert, ist bereits so gut wie tot. Aber mittlerweile trifft das auf die Nichtkonsumenten ebenso zu.
In einem zu rufen sie nach ihm. Nur eine weitere Seele im Äther der dunklen Masse.
Der Arm mit dem er die Kette hält, ist taub. Sein Blick folgt dem Kreuz, das über ihm schwebt, den konzentrischen Kreisen, die es in die verbrauchte Luft des Zimmers zeichnet.
Die Stimme in seinem Kopf schwillt wieder an.
Was soll ich tun? Was, fragt er sich. Fragt er das Kreuz.
Die Stimme schwillt an und plötzlich liegt sie links von ihm. Slobodan neigt den Kopf, sieht menschliche Umrisse.
Nach mehrfachen blinzeln erkennt er, dass es ein Mann ist. Der Typ ist hager, wie aus einem KZ entflohen, die Pupillen huschen hektisch hin und her, genau wie der Lauf der Ruger.
»Was willst du?«
»Das hab ich doch gesagt. Ich will an die Quelle.«
»An welche Quelle?«
»Wenn du deinen Arsch nicht sofort aus dem Bett schaffst, verpass ich dir ein zweites Arschloch, Arschloch.«
»Schon gut. Du bist einer von der harten Sorte, ich merk schon.«
Slobodan rappelt von der Bettkante und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
»So eine Six ist selten. Wo hast du den Revolver her?«
»Du denkst, du kannst mich beeindrucken, aber das geht mir am Arsch vorbei.«
»Wie bist du hier reingekommen?«
Der Typ mustert ihn verdaddert.
Slobodans Blick wandert zur Tür, deren Holz an den Angeln gesplittert ist.
Wie konnte er das Eintreten der Zimmertür überhören?
»Das ist nicht meine Tür. Ich hab Kaution für dieses Zimmer bezahlt.«
Der Typ schüttelt den Kopf. »Du bringst uns jetzt zur Quelle!«
»Uns?«
Er richtet die Waffe auf den Spiegel an der Wand und drückt ab. Die Scherben ergießen sich über den Schminktisch und den Teppich.
»Na, los jetzt!«
Ihm ist, als würden sie die Treppe runter ins Foyer schweben.
Frank liegt hinter der Rezeption, blutverschmiert und mit einem Ausdruck in den Augen, den Slobodan viel zu oft gesehen hat. Leer und mit einer umformulierten Frage auf den tauben Lippen, die sich die Menschen zu spät stellen. Was soll ich tun?
Leider unnötig, wenn es nichts zu verhandeln gibt.
»Ich hab den Penner nicht umgelegt. Hey! Weiter!«
»Ich muss kurz zu ihm«, sagt Slobodan bestimmt.
Er geht zu seinem Freund, beugt sich über ihn und klappt seine Lider nach unten. Er hatte Frank nur bei zehn, zwölf Drinks kennengelernt. Aber in Zeiten wie diesen, ist jeder ein Freund, den man vertrauen kann. Dann greift er nach dem Hörer in Franks Hand, muss ihm das Telefon aus dem klammen Finger winden.
Der Typ hat recht. Er hat ihn nicht umgebracht. Die Leichenstarre hat bereits eingesetzt, und das Blut ist geronnen, macht den Stoff des Pullovers steif.
Slobodan legt den Hörer auf die Gabel des Drehscheibentelefons. »Okay, dann bringe ich dich und deine Kumpels mal zur Quelle.«
Der BMW, der direkt vor dem Eingang des Hotels parkt, hat gedunkelte Scheiben.
Der Mann – eigentlich noch ein Junge – tritt vor ihn und reißt die Tür auf. »Rein da!«
Zum ersten Mal betrachtet Slobodan ihn ausgiebig, sieht das Flimmern in seinen Pupillen. Sieht die Angst.
Slobodan steigt ein. Sein Puls hat sich beruhigt. Er zählt eins, zwei und hört das Klicken. Die Waffe, die sich in die Kopfstütze seines Sitzes drückt, ist entsichert.
»Eine Glock 17 – passt gut zu dir. Das wollte ich dir eigentlich schon letzte Woche sagen.«
»Der Wichser erkennt die am Geräusch«, sagt der Junge, als er sich hinter das Lenkrad schwingt. »Verdammter Hundesohn.« Er schüttelt den Kopf und startet den Wagen, der wie eine Raubkatze aus der Parklücke wetzt.
»Du zeigst uns einfach den Weg«, sagt sie und ein leichtes Zittern liegt in ihrer Stimme. »Dann bleibst du am Leben.«
Nicht dass es ihm jetzt noch darauf ankommt, aber er muss zumindest so tun als ob. »Okay.« Gibt sich Mühe beschwichtigend zu klingen. »Ich werde euch hinbringen. Direkt zur Oase. So nennen wir das.«
»Komm schon, Flex! Drück aufs Gas. Ab zur Oase!«
Slo schielt zur Seite. Flex also. Da sitzt dieser ewige Verlierer mit seinem verschimmelten Lächeln und drückt auf die Hupe und gleichzeitig aufs Gas.
Nur um den Schein zu wahren, sagt Slo: »Ich brauche eine Garantie, dass ihr mich am Leben lasst, wenn ich euch zu dem Ort bringe.«
Flex lacht und es klingt, als würden Blasen in seinem Rachen aufsteigen. »Du hast ein Versprechen, Mann! Du verdammter Hurensohn! Wir feiern eine verdammte Orgie, wenn wir da sind. O-o«, singt er, »eine Orgie in der Oase. Bist du dabei, Schlampe?«, fragt er nach hinten.
»Fick dich und schau auf die Straße!«
Flex lacht sein kehliges Lachen, wird dann ernst. »Wo lang jetzt?«
»Nach links. Raus aus der Stadt über die 63.«
»Werden wir dort allein sein? Wenn du uns in die Scheiße reitest, wirst du sterben. Nicht schnell, schööööön langsam.«
»Ein Freund von mir wird dort auf euch warten.«
Flex vergeht kurz das Lächeln, dann kehrt es zurück wie eine Manie. »Dann wird dein Freund auch sterben.«
»Darum braucht ihr euch nicht zu kümmern. Ihr bekommt Bux‘ soviel, dass ihr leben könnt wie König und Königin. Und ich bekomme mein bescheidenes Leben.«
»Wie viele werden es sein?«
Ein Schild zieht vorbei, dass auf die Bundesstraße verweist.
»Unzählig viele. So viele, dass ihr euch nicht daran sattessen werden könnt.«
Aber sie werden sich an euch sattessen, denkt Slo und schweigt. Er sagt kein Wort, bis sie den Waldrand erreichen. Deutet nur mit der Hand oder einem Nicken den Weg. Sagt nichts, als sie das offen stehende Tor passieren und auch nicht, als sie auf den zum X geformten Balken anhalten.
Er schweigt.
»Steig aus! Du machst das Maul nur auf, wenn ich eine Frage stell, klar?«, warnt sie.
»Klar«, gibt er zurück und steigt aus. Beide Waffen sind auf ihn gerichtet. Er rührt sich nicht vom Fleck. Die Zeit steht still wie so oft im Krieg.
»Du gehst jetzt voraus. Wir hinter dir her. Duckst du dich weg oder sonst was, jagen dich die Kugeln«, sagt sie, und ihr Komplize – oder was auch immer er für sie sein mag – grinst nur in sich hinein.
Für Slobodan zählt nur ihr Gesicht. Bisher hat er nur eine Mischung aus Begierde, Angst und Hass darin wahrgenommen. Doch jetzt glaubt er auch Hoffnung darin aufblitzen zu sehen. Seine Frau hat nie die Hoffnung aufgegeben. Auf ein Leben nach dem Krieg. Auf ein Leben nach dem Tod.
Plötzlich will er sie nicht mehr töten, möchte nicht mehr hier sein. Möchte heim zu seiner Familie. Viel zu lange war er weg.
»Und was, wenn ich euch nur verarscht habe? Wenn es keine Oase gibt?«
»Es ist hier. Wir können es alle riechen, Schwachkopf. Und du wirst uns sagen, wo«, versichert Flex. »Du wirst es uns sagen, denn wenn nicht, werden wir dir die Antwort aus deinem Fleisch schneiden und brennen.«
Slobodan hält den Blickkontakt mit dem Mädchen aufrecht, was nicht leicht ist, wenn direkt unter dem Augenpaar eine Pistolenmündung schwebt.
Sie sagt: »Wenn du uns verarscht, wirst du sterben. So einfach.«
Mit einem Satz macht sie ihre Welt zu seiner. So leicht ist das, wenn man ein Niemand ist. Ein Niemand in einer kaputten Welt, von der sich niemand mehr ein Bild zu machen braucht. Alle Gesichtsbücher enden hier, in diesem letzten Atemzug. So einfach.

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