Eine Welt ohne Pokémon GO

Ralf war ein Zombie. Zumindest wenn es nach seiner Schwester ging.
Sie nannte ihn ständig so, weil sie keine Ahnung hatte, wie lebendig man sich als Zombie fühlte.
Jetzt wieder. »Ey Zombie!« Sie klopft an der Tür. »Luca is´ da.«
Gleich darauf steht er im Türrahmen, wirklich so blass wie tot.
»Hey, was los, Bro?«
»Hast du’s nicht gehört?«
»Was gehört? Hab bis gerade gepennt.«
»Scheiße, Mann. Scheiße!«
Luca schlägt sich die Hände vors Gesicht und lässt sich aufs Bett plumpsen.
»Was denn?«
Er holte sein Smartphone aus der Tasche, sagte: »Ich hab dir doch gestern gesagt, ich hätte dieses Zapptos gefangen …«
Ralf lacht auf. »Hab gewusst, dass du laberst.«
»Ich laber nich‘! Ich hatte es, aber jetzt ist es weg. Alle sind Weg.«
Ralf spürte seinen Mund trocken werden. Hieß das, dass es keine nächtliche Safari geben würde? Dass Luca raus war?
»Wie alle?«
»Sie sagen die Server sind down.«
Panik! Ralf schnappte sich sein Huawai vom Schreibtisch, entsprerrte es und tippte auf die App. Ein völlig routinierter Vorgang. Als würde er eine Flasche Wasser öffnen und dann trinken.
Doch sein Mund blieb trocken und die App meldete eine Störung.
»Was soll das heißen?«
Ihm war nicht bewusst, dass er schrie und zitterte.
»Sie sagen, das Problem ist überall, weltweit. Aber es soll bald wieder laufen.«
Team Rocket, fieberte Ralf, Team Rocket, die Al Quida der neuen Welt. Niemand sonst war zu solch einer Wahnsinnstat imstande. Mit aller Wucht feuerte er sein Smartphone gegen die Wand.

Nun saß er allein im Flieger und wartete auf den Start.
Bald solle wieder alles laufen, hatten sie gesagt. Zwei Wochen waren verstrichen,ohne dass sie das Problem lösen konnten. Zwei Wochen ohne Streifzüge bei Nacht. Denn nachts trauten sich die besten Pokémon heraus. Eine Weisheit unter Eingeweihten. Immer sahen sie kurz auf, wenn jemand auf dem Skateboard oder Fahrrad vorbeizog, den Blick halb aufs Display und halb auf den Weg gerichtet. Dann nickten sie sich zu.
Sie waren wie Brüder, die sich nie zuvor gesehen hatten.
Sie waren Pokémon-Trainer, ja!
Gelangweilt wischte er sich durch Facebook, spürte die feinen Risse im Display.
Eilmeldungen tangierten sein Bewusstsein: Warum Pokémon GO nie wieder kommt … Alles nur eine perfide Marketingaktion, um die neue Version anzupreisen … Mädchen aus Japan tötet ihre Eltern, weil es sie als Drahtzieher hinter dem Pokémon GO- Komplott verdächtigt.
Noch schlimmer als die Morde waren jedoch die Selbstmorde. Zuerst weigerten sich viele Medien darüber zu berichten, doch nachdem die ersten Bulevard-Blätter von einer Welle der Frustration, vom Massensterben, vom Pokémon GO-Genuzid sprachen, da mussten auch die seriösen Blätter berichten.
Insgeheim waren alle froh. Der richtig große Hype schwoll gerade ab. Worüber sollte man auch berichten? Syrien? Türkei? Amerika? Wen interessierte das? Alles Schnee von gestern, zu weit weg. Die Pokémon wandelten unter uns. Im Vorgarten. Auf dem Pausenhof.
Gelangweilt wischte Ralf über den Display, bis die Lampen aufleuchteten, die ihn ermahnten, das Ding abzuschalten.
Apropos Amerika – Ralf war auf dem Weg, und er fühlte sich verdammt einsam ohne sein Pikatshu.

Die Familie sah nett aus. Irgendwie typisch amerikanisch. Sie hielten eifrig ein Schild hoch mit seinem Namen. Das kam ihm alles unwirklich vor, auch die Umarmungen. Zur Begrüßung gab es ein üppiges BBQ mit daumendicken Steaks und ungefähr 30 verschiedenen Soßen. Ralf entschied sich für Hot Mexican Salsa und bereute diese Entscheidung nachts in seinem neuen Zimmer mit grummeldem Magen und brennendem Arschloch.
Es gab nur einen Gedanken: Amerika ist so wertlos ohne Pokémons.
Eltern und Schwester hatte er vorgegauckelt, die Reise zu machen, um sich auf das bevorstehende International-Management-Studium vorzubereiten, dabei wollte er eigentlich nur zum Central Park und dort versuchen, sich das legendäre Aquana zu schnappen. Natürlich hätte er auch sein GPS hacken können, um den Standort zu wechseln, wie es so viele taten. Doch dann hätten sie einen Grund gehabt, seinen Account zu löschen. Und außerdem waren diese Cheater keine echten Pokémon-Trainer. Ihnen fehlte das Wichtigste, das Herz.
Besaß er ein Herz? Im Moment spürte er nur sein Arschloch.

Sie lag ausgestreckt auf der Couch, als er die Treppe runterkam. Ebbie hieß sie, und auch sie war typisch amerkianisch. Alles an ihr eine Spur zu groß. Die Lippen. Die Titten. Und die Augen.
Er setzte sich ihr gegenüber, versuchte sie nicht anzustarren, starrte stattdessen mit in den TV.
Dort erklärte Trump der Menge gerade, warum die Mexikaner Schuld sind am Untergang von Pokémon GO. Das Publikum rastete völlig aus.
»Was findet ihr eigentlich an diesen Trump?«
»Was findet ihr eigentlich an Crosaints?«
»Crosaints?«
Statt einer Erklärung schaute sie genervt auf den Bildschirm und Ralf beschloss, sich davonzumachen.
Die Eltern gingen ihrer Arbeit nach, aber draußen hockte Rick in der Hollywoodschaukel, einen Gameboy Color in beiden Händen.
»Was zockst du da?«
»Pokémon. Rote Edition«, antwortete er ohne aufzuschauen.
»Die gab es auch in den USA?«
»Wir waren zwar die ersten auf’m Mond, aber das heißt nicht, dass wir gleich dort geblieben sind.«
Neunmalkluger Hosenscheißer, dachte Ralf und ging auf die Straße zur Bushaltestelle. Verfluchte Zwangsnostalgiger.

Die Familie lebte in einem dieser New-York-typischen Vororte mit gehissten Flaggen in den Vorgärten und akkurat getrimmten Rasen. Ein bisschen enttäuscht war Ralf, dass der Bus nicht den gewohnten Bild entsprach. Er war nicht knallgelb, sondern rot und gelb mit weißen Streifen und allerlei Reklamen beklebt.
Ralf stieg ein und zahlte zwei Dollar für die Fahrt ins Zentrum. Am Central Park stieg er aus, etwas geplättet von den gigantischen Ausmaßen. In den Magazinen oder im Fernsehen – nirgends ließ sich die Wucht der Wolkenkratzer auch nur annährend darstellen.
Das Huawai in seiner Tasche vibrierte. Er zog es hervor. Keine Meldung. Sein Kopf brummte vor Reizüberflutung und der Hitze. Nur Einbildung. Ralf klickte auf die App und las zum bestimmt tausendsten Mal die Fehlermeldung. Nie zuvor war er so nah dran gewesen, seinen Traum zu leben. Den großen Amerikanischen Traum. Pokémon-Trainer.
Auf der Straße neben dem Park ging so eine Art Demo ab. Die Masse hielt Schilder hoch und brüllte irgendwas. Von einer fremden Kraft gezogen, glitt Ralf auf die Menschentraube zu, die ihn sogleich verschlang. Dann war er mitten drin und hörte plötzlich, was die Amerikaner da riefen.
Give us back Pokémon GO! Bringt uns Pokémon GO zurück.
Ralf konnte dem inneren Drang nicht widerstehen. Auch er riss die Faust in die Luft und stimmte in den Chor mit ein.
Give us back Pokémon GO!
Bringt uns Pokémong GO zurück!
Immer und immer wieder. Sie verschmolzen zu einer Masse. Nie zuvor hatte sich Ralf so gefühlt. Schwerelos und krank vor Mitgefühl für alle, die hier mit ihm litten.
Dann fiel der erste Schuss und ein Ruck der Panik durchschnitt diesen kollektiven Höhenflug.

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