Sie sieht das, was du nicht siehst

Daniel [x] Crime, [x] Wissenschaft Leave a Comment

Es ist einer dieser Anrufe, die der Leiter des Mobilen Einsatzkommandos herbeisehnt und fürchtet zugleich. Der Dienststellenleiter versorgt ihn mit den nötigsten Informationen. Kein Schnickschnack. Bertholdstraße, Banküberfall, acht Geiseln.

Bereits zwanzig Minuten später steht er auf dem Dach eines Wohnhauses, und noch immer verspürt er ein Wechselbad aus Angst und Euphorie. Die Scharfschützen bringen sich in Position, die ersten Visiere auf die Bankfiliale unter ihnen gerichtet. Es ist kurz nach 16 Uhr im Januar. Die Sonne steht entsprechend tief und spiegelt sich rot in den Fenstern. Sie haben keine Ahnung, was sich im Inneren abspielt. Die Überwachungskameras in der Filiale haben die Gangster mit Spraydosen „blind“ gemacht. Ein spontaner Zugriff ist keine Option. Eine Annährung könnte die Verbrecher aufschrecken und die Situation eskalieren lassen. Aber als MEK-Leiter muss er alle Eventualitäten bedenken, auch Reflexionen im Fensterglas. Jetzt biegt ein weiterer schwarzer Van in die Seitenstraße ein, und er weiß, dass die angeforderte Wunderwaffe soeben eingetroffen ist: Die Polarisationskamera.

„Das menschliche Auge ist nicht in der Lage zwischen polarisiertem und unpolarisiertem Licht zu unterscheiden“, erklärt Jürgen Ernst, Entwickler am Fraunhofer ISS in Erlangen. „Wir sehen nur eine überlagerte Schicht.“ Dieses Defizit bot den Ansatz für sein Projekt, den ersten Prototyp einer Polarisationskamera zu bauen – genannt Polka.

Licht, das keiner sehen kann?
Nicht ganz. Heuschrecken und Bienen orientieren sich mittels der Polarisation des Lichts. Und auch wir nutzen den Effekt bei Sonnenbrillen mit polarisierenden Gläsern. Doch was ist polarisiertes Licht überhaupt? Der BR hat eine spannende Antwort gefunden.

Die Polka erfasst pixelweise den Polariationszustand des Lichts, verarbeitet das Polarisationsbild und gibt es an die „Vempire“-Plattform weiter, die ebenfalls von Ernst und seinem Team gebaut wurde. Es handelt sich dabei um eine Bildbearbeitungssoftware, die direkt im Gehäuse der Spezialkamera verbaut ist. „Erst erfassen wir die Polarisationsrichtung“, erklärt Ernst. „Mit weiterführenden Algorithmen können wir dann die Reflexionsunterdrückung über die Plattform automatisch ausführen.“ Weiterer Vorteil: Ein C-Mount Objektivadapter ermöglicht dabei die Verwendung von Standardobjektiven.

„Sobald es draußen hell ist und drinnen dunkel, spiegelt sich die helle Umgebung in der Scheibe“, beschreibt der Entwickler. „Mit Hilfe der Polka kann man diese Reflexionen beinahe ausschalten.“ Im Fall des Bankraubes könnte unser MEK-Leiter imens von dieser Technik profitieren. Ein Förderprojekt mit der Polizei blieb jedoch aus. Laut Ernst läge das am notorischen Geldmangel der Behörden. Nun könne man argumentieren, dass die meisten Banken eh bei Nacht gesprengt oder über den Computer gehackt werden, doch die Polka bietet weitere nützliche Einsatzfelder, deren Vorteile der Polizei erstmal verwehrt bleiben.

Jürgen Ernst und sein Team sind ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. In mehreren Probeläufen fanden sie heraus, dass sich mit der Polka der exakte Feuchtigkeitsgrad einer Oberfläche bestimmen lässt. Ihr erster Ansatz war die Überwachung einer Flugzeuglandebahn, um frühzeitig zu erkennen, ob der Asphalt trocken, nass oder gar vereist ist. Doch die Kamera funktioniert nur bei genügend Licht, weshalb bei Nacht zusätzliche Scheinwerfer eingesetzt werden müssten, was wiederum gegen die Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen verstößt.
Eine Maßnahme für mehr Flugsicherheit aufgrund von strengen Sicherheitsbestimmungen abzulehen, erscheint milde ausgedrückt absurd. Aber ob Probleme mit strengen Auflagen oder niedrigem Budget, es bleiben Steine auf dem Weg dieser Technologie.
Auf Autobahnen, so Ernst, spräche jedoch nichts gegen einen Einsatz von Scheinwerfern in bestimmten Abständen. Vor allem auf Brücken, die besonders häufig von Glatteis überzogen sind, könnte die Polariationskamera als Frühwarnsystem angewandt werden.

Im Moment konzentriert sich das Projekt hauptsächlich auf die Glas- und Kunststoffindustirie. Dort können mittels Reflexunterdrückung der Polarisationskamera Materialoberflächen geprüft werden.

Technik verstehen. Technik gestalten. Technik testen. Diese drei Dinge bewegen mich im Alltag. Hier möchte ich spannende Geschichten und Projekte mit euch teilen. Zusammen halten wir Ausschau nach aktuellen Trends und nehmen allmöglichen Stuff unter die Lupe. Kommentiert gerne mit und werdet ein Teil von FUTUR3 hoch drei. Würde mich freuen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.